Montag, 6. Juli 2009

denk mal

Der Grabstein ist fertig. Nach einem riesigen, kräftezehrenden Endspurt konnte er am Freitagnachmittag auf seinem Fundament verankert werden und mir sind gleich zwei riesige Steine vom Herzen geplumpst: wir haben es rechtzeitig zum Jahrestag geschafft und - es ist gut geworden! (Insgeheim hatte ich doch die Befürchtung, daß meine Ideen sich als Luftnummer entpuppen könnten. Grabsteindesign ist halt nicht mein Kerngeschäft.)

Das schwierigste bei der Planung war das Weglassen. Tanja hatte für mich soviele wichtige Facetten, die ich alle gern in diesen Stein gepackt hätte, daß die Grenze zum Kitsch immer bedrohlich nahe war. Jetzt ist die Plastik (meiner Meinung nach) genau so, wie Tanja es war: schön und geheimnisvoll. Erst wenn man sich für sie interessiert, beginnt man sie zu verstehen und findet Spielraum für eigene Gedanken.

Der Grundkörper besteht aus Basaltplatten- einer der härtesten Gesteinsarten: Härte zu sich selbst war eine ihrer großen Stärken. Die Platten mit ihren unregelmäßigen Kanten verweisen auf die Vielschichtigkeit des Lebens, das auch nie glatt verläuft. In der Mitte des Steinpaketes befindet sich eine Stahlplatte aus ihrem Walzwerk, die momentan noch fast die gleiche Farbe hat wie der Basalt, aber in Kürze anfangen wird zu rosten: ein Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen.
Die Anordnung der Platten ergibt oben eine Kerbe- den gewaltsamen Einschnitt in ihr Leben.
Links und rechts haben wir Tafeln aus uraltem Eichenholz angebracht. Aus Bewunderung für ihren Umgang mit allen Unannehmlichkeiten ihrer Krankheit habe ich sie immer mein "sibirisches Hartholz" genannt. Dieser Name hat sich auch im Freundeskreis durchgesetzt und u.a. diesem Blog zu seiner komischen Bezeichnung verholfen.

Die Dreigliedrigkeit des Denkmals entspricht der Struktur unserer Familie: Tanja als starke zentrale Figur, an der Sascha und ich unseren Halt fanden (hängen).
Das Holz ist vom Leben gezeichnet (danke Frank, daß Du Dich von dieser charismatischen Bohle getrennt hast) aber in seiner Grundsubstanz fest und unverwüstlich. Auf der rechten Tafel ist aus Glaszylindern ihr Sternbild Löwe stilisiert. Sie hatte sich mit ihrem Sternbild sehr identifiziert: die Stärke, der Mut, die Geschmeidigkeit, die sanften Pfoten, die aber auch Krallen besitzen, wenn man sie braucht... Auf meiner Festplatte schlummern Fotos aus aller Welt, auf denen sie sich mit Löwen ablichten liess (natürlich Plastiken).
Die Bohrung auf der linken Tafel ist noch eine Baustelle. Dort fehlt bislang eine Glasscheibe in der Farbe der Sterne, die die Sonne darstellen soll, mit der sie unser Leben erfüllt hat.
Im Inneren der Steinpackung verbergen sich bewegliche Elemente, die von Eingeweihten herausgezogen werden können. Darauf ist neben einem Porträt von ihr, das ich sehr mag, auch eine Lebensweisheit von ihr - in ihrer Handschrift - zu lesen. Die stilisierte Klaviatur verweist auf ihre Liebe zur Musik.
Der kleine Findling mit ihrem Namen im Vordergrund war bis zum Freitag ihr provisorischer Grabstein, der nur für den Übergang gedacht war. Es haben ihn aber inzwischen alle irgendwie ins Herz geschlossen und nun darf er liegenbleiben. Er bringt zudem eine helle Komponente ins Bild, die der Basalt nicht widerspiegelt, die für Tanja aber unbedingt zutreffend ist. Neben dem Schriftzug ist unten rechts ein Ginkgoblatt auf dem Stein angebracht, das natürlich ebenfalls einen tieferen Sinn für uns hat.
Das Wichtigste aber an diesem Denkmal, was man ihm leider nicht unbedingt ansehen kann, was aber seinen eigentlichen Wert ausmacht ist die Tatsache, daß viele Freunde, aber auch fremde Leute mit viel Freude und Herzblut daran mitgwirkt haben. Ein ganz besonderer Dank gilt Frank, der immer zur Stelle war, wenn irgendwo die Säge klemmte und der mich in einer sehr netten Art immer auf den Teppich zurückgeholt hat, wenn ich mich zu verzetteln drohte.
Ein sehr wichtiger Helfer war Tanjas Kollege Burkhard, der auf seiner CAD-Station, die eigentlich ganz andere Dinge planen soll, die Detaillösungen erarbeitet hat. Clemens war der Besorger, Sponsor und zum Steinmetzbringer der Stahlplatte und wird seinen Beitrag eigentlich für garnicht erwähnenswert halten. Es gab Steinmetze und Tischler, die sich nach anfänglicher Verständnislosigkeit sehr für uns ins Zeug gelegt haben. Tanjas Fähigkeit, Leute zu vereinen ist durch ihren Tod nicht verschwunden. Ich danke allen, auch den Nichtgenannten, für diesen Liebesbeweis.

Natürlich werden wir uns am Mittwoch versammeln, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und an sie zu denken. Ich habe namentlich nur einige Freunde eingeladen von denen ich wußte, daß sie ohnehin kommen werden. Ich möchte aber alle, die auch im letzten Jahr an der Trauerfeier teilgenommen haben, ermutigen, am 08.07. ab 17.00 bei uns vorbeizuschauen. Es wird eine Feier im Stile Tanjas werden, die eine leidenschaftliche Gastgeberin war.

Freitag, 26. Juni 2009

Michael Jackson ist tot




Neben dem Medienrummel um das durchaus traurige Ereignis gerät diese Notiz leider in Abseits. Wir haben das Buch von Jerrie Nielsen damals verschlungen und viel Hoffnung daraus geschöpft.
Es ist nicht schlimm, daß Michael ihr heute die Show stiehlt. Sie konnte vielen Menschen etwas geben und wird deshalb nicht vergessen.

Dienstag, 23. Juni 2009

Entrollt


Vor einem Jahr wollten wir noch immer nicht wahrhaben, daß sich das Tempo in Richtung Endstation verschärfte. Wir hatten sommerliches Wetter und das Haus ständig voller Besuch. Wie mir heute klar ist, hat Tanja verstanden, daß ihr nicht mehr viel Zeit bleibt und deshalb hat sie voll auf die Tube gedrückt, wollte alles noch mitnehmen, was irgend geht. Hat trotz Schmerzen nur das Minimum an Morphium akzeptiert, um klar zu bleiben, um auch ja niemanden zu verpassen.
Die Gespräche dieser Wochen hätten für Jahre gereicht, aber wir mußten uns beeilen. Ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich hoffe, daß ich von ihrer Stärke ein Stück zurückbehalten konnte.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Leben

Heute früh wurde in der Tageszeitung schwarz auf weiß bestätigt, was mir gestern schon am Telefon berichtet wurde. Wolfgang K., ein Kollege aus dem Walzwerk, hat nun ebenfalls den Kampf gegen den Krebs verloren. Gerade einmal 59 Jahre alt ist er geworden.
Ich erwähne Wolfgang an dieser Stelle, weil Tanja viel mit ihm gesprochen hat, nachdem er seine Diagnose bekam. Sie hatte zu der Zeit, es muß irgendwann im Jahre 2006 oder 2007 gewesen sein, bereits zweimal erfolgreich die Hölle von Operation und Chemotherapie durchquert (1999 und 2005) und fühlte sich vollkommen gesund und fit. Die Nachsorgeuntersuchungen wurden inzwischen schon als ärgerliche Zeitverschwendung betrachtet und das Versorgungsamt kündigte an, ihren Behinderungsgrad zu reduzieren. (Das hat ihr zwar geschmeichelt, aber da eine Reduzierung auch den Wegfall einiger steuerlicher Begünstigungen zur Folge hat, hielt sich ihre Freude darüber in Grenzen).
Die Gewißheit, dem Schicksal bereits zweimal ein Schnippchen geschlagen zu haben, hatte ihr ein rundum positives Lebensgefühl beschert, das man ihr schon von weitem ansehen konnte. Sie hatte einen richtig ansteckenden Optimismus, mit dem sie auch Wolfgang infizieren und ihm viel von seiner Angst nehmen konnte.
Im August 2007 traf es Tanja dann wieder selbst. Die Krankheit hatte sich erneut bei ihr eingenistet. Sie wollte auf keinen Fall, daß Wolfgang etwas davon erfuhr, um sein Selbstvertrauen nicht zu erschüttern. Natürlich hat das nicht sehr lange funktioniert, denn es war abzusehen, daß er ihr irgendwann in der Tagesklinik begegnen würde.
Im letzten Jahr, als es Tanja schon ziemlich schlecht ging, lief er uns dann auch wirklich im Krankenhaus über den Weg. Er machte einen gesunden und zuversichtlichen Eindruck.
Nun also doch…
Laßt uns leben! Jetzt!

Mittwoch, 3. Juni 2009

Saftladen

Auf dem Heimweg bin ich heute an einem Erdbeer-Selbstpflück-Feld vorbeigekommen und habe, wie in den Jahren vorher sonst auch, ein Körbchen davon erstanden. Die Betonung liegt dabei auf "Körbchen", denn für Tanja mußte es immer ein bischen mehr sein.
Auch die Kirschbäume im Garten wurden immer sehnsüchtig beäugt, wann denn wohl die Früchte endlich einen akzeptabelen Rötungsgrad aufweisen würden.
Seit ein paar Tagen ist es nun wieder soweit. Die Stare haben anfangs noch verängstigt auf ihre Futterkonkurrentin gewartet, aber mittlerweile sind sie dreist geworden. Sie scheinen zu ahnen, daß ich mich mit den Kirschen an den unteren Zweigen begnügen werde.
Früchte waren Tanjas große Leidenschaft und neben der pflückfrischen Variante war sie auch von diversen Konservierungsarten überzeugt. Exponierte Plätze in ihrer Beliebtheitsskala belegten dabei Rezepte, bei denen mit viel Alkohol gearbeitet wurde: Rumtopf und mit Primasprit angesetzte Liköre.
Ihre ersten Erfahrungen mit hochprozentigen Kirschen aus häuslicher Likörproduktion machte sie bei einem meiner Schulfreunde. Arglos löffelte sie ein Kompottschälchen nach dem anderen leer und war ganz begeistert von diesen Früchten. Das Ergebnis war im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternd und Tanja schwor tausend Schwüre, nie wieder Alkohol anzurühren, wenn ihr diesmal ausnahmsweise das Leben gelassen würde. Es war ein Meineid.
Den letzten Rumtopf haben wir im Sommer 2007 angesetzt. Zu meinem Geburtstag im November sollte er, wie üblich, angestochen werden. Tanja hatte wohl das Gewicht des Gefäßes etwas unterschätzt, als sie es vom Küchenschrank zu sich heranziehen wollte und bei erneutem, kräftigerem Ziehen kam der Topf ins Kippen und sein klebriger Inhalt ergoß sich über den Fußboden. Ein ganz kleiner Rest blieb uns erhalten- gerade genug für einen Eisbecher.
Ich erinnere mich nicht gern an meine Reaktion auf dieses Malheur.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Verhext



Hier, in Sichtweite des Brockens, ist auch noch Wochen nach der Walpurgisnacht ein reger Flugverkehr am Himmel über dem sagenumwobenen Berg zu beobachten. Der unbedarfte Tourist wird an Flugzeuge denken. Wir Harzer wissen es besser und ich bin ganz sicher, mindestens drei der „UFO-s“ genau erkannt zu haben. Es waren die Taffe Tanja , Bella Bettsi und Beauty Babsi auf ihren Besen. Da nicht vorausgesetzt werden kann, daß diese Damen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, erkläre ich nachstehend die Zusammenhänge.
Tanja und ich waren begeisterte Geocacher (um jetzt nicht zu einer Erklärung in der Erklärung abschweifen zu müssen, mag sich der geneigte Leser bitte hier darüber informieren, was Geocaching ist. In der Beschreibung werden auch Begriffe erklärt, die ich im Folgenden benutzen werde.)
Zur Walpurgisnacht 2007 haben wir drei Hexen als Travelbugs in einen Cache in Brockennähe ausgesetzt, die, wie die Namen vielleicht vermuten ließen, jeweils eine Patin hatten, die im wahren Leben ein unzertrennliches Trio bildeten: Tanja, Bettina und Barbara.
Jede Hexe wurde mit einer Mission auf den Weg gebracht, die einen direkten Bezug zu der jeweiligen Patin hatte. Für die Taffe Tanja wurden Sibirien und Kanada als zu erreichendes Reiseziel angegeben, Bella Bettsi sollte sich für Schlösser und Parks interessieren und die damals etwas ratlose Beauty Babsi sollte sich beim Orakel von Delfi nach Alternativen erkundigen. Jährlich zur Walpurgisnacht sollte es in einem Cache im Harz ein Wiedersehen der drei Hexen geben. Soweit die Vorgaben.
Hier nun der Zwischenstand:
1. zu einem Zusammentreffen ist es bislang nie gekommen.
2. Bella Bettsi ist, nachdem sie zuvor lange Streckenrekordhalterin war, seit dem 15.03.08 in Ungarn verschollen. Selbst ein persönlicher Briefwechsel mit dem letzten Finder und das Versenden der Dog-Tag-Kopie führte nicht dazu, daß die Reise weitergehen konnte. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Auf ihrem Fahrtenschreiber sind 1.632 km verbucht.
3. Beauty Babsi wurde anfangs kaum beachtet und schmorte ziemlich ausdauernd in ihrer jeweiligen Dose. Ob sie das Orakel von Delfi je erreichen wird, ist fraglich. Bisher dümpelte sie kreuz und quer durch Deutschland, ohne Griechenland auch nur ansatzweise nähergekommen zu sein. Momentan scheint es allerdings, als wäre das auch gar nicht mehr so dringend erforderlich, sich mysteriöse Ratschläge abzuholen. Sie hat mittlerweile 1.873 km auf dem Tacho und wartet aktuell in der Nähe von Dinslaken auf ihre Weiterbeförderung.
4. Einzig Taffe Tanja ist im Zielgebiet angekommen. An unserem 27. Hochzeitstag, dem 16. Mai wurde sie nach einer Reise von 850 km von British Columbia nach Edmonton in Alberta (Kanada) befördert.
Damit hat sie nunmehr insgesamt eine Strecke von 20.066 km zurückgelegt und kann so schnell nicht mehr eingeholt werden.

(Tanjas Route)

Ist das vielleicht eine Metapher dafür, daß sie uns nur voraus ist? Zu behaupten, daß sie ein Leben auf der Überholspur geführt habe, wäre sicher etwas zu überspitzt formuliert, aber sie hat keine Zeit verloren. Sie vermochte es, intensiv zu leben, sich über Kleinigkeiten zu freuen, ungeliebten Pflichten eine positive Seite abzugewinnen- kurz, den Tagen mehr Leben zu geben.
Das können wir von ihr lernen.

Dienstag, 12. Mai 2009

Ausgelöffelt


Der Wonnemonat ist schon ziemlich weit vorangeschritten… Wer jetzt meint, daß er genau diese Feststellung in diesem Blog schon einmal gelesen habe, der irrt sich nicht. Mit diesen Worten begann der Eintrag vom 12.Mai 2008.
Diesem Post möchte ich folgende Anekdote (?) hinzufügen:
Im Verlauf des damals geschilderten Garteneinsatzes wurde u.a. ein Magnolienstrauch gepflanzt. Tanja hatte sich schon immer eine Magnolie gewünscht und war bisher aber stets an meinem Vorsatz gescheitert, in unserem Garten nur einheimische Pflanzen zu dulden. Nun befand allerdings Frank, daß just ein Magnolienstrauch der ultimative Blickfang und –schutz in unserem Garten sei. (Ich hoffe, daß er bei diesem Vorschlag nicht befangen war.) Ich war also mit meinen Argumenten am Ende und muß gestehen, daß der Strauch mit seinen dunkelvioletten Blüten unserem Garten gut zu Gesicht steht.
Neben der Freude über ihre russische Pflaume, über die ich vor einem Jahr berichtete, empfand Tanja also auch eine berechtigte Genugtuung darüber, daß ich meinen Widerstand endlich aufgegeben hatte. Ihre Begeisterung gipfelte in dem Satz: „ Gerade jetzt, wo unser Garten endlich so schön aussieht, werde ich doch wohl den Löffel nicht abgeben!“
Interessiert es jemanden, daß es mir heute sehr leid tut, ihr diesen Wunsch so hartnäckig abgeschlagen zu haben?